“Liv Migdals neue CD "Refuge": Atemstillstandsmomente von Bach bis Ben-Haim Entäußerungs-Testat einer großen Geigerin Was für ein Beiheft! Gäbe es einen Sonderpreis für Erhellung und Offenbarung, er wäre ihm sicher. Die Künstlerin selbst hat es verfasst. Sie entwickelt stringent ihr Konzept, legt die historischen Verbindungslinien der von ihr ausgewählten Stücke offen, und sie überrascht, wo andere Trivialitäten trampeln, durch Haltung und Gehalt. „Es braucht Mut, diese Musik nah an sich heranzulassen", lesen wir, und Sätze wie diese: „Als Spieler wirst du zu einem Kraftwerk von Gefühlen. Aggressivität ist da, auch Wut, Spuren einer Grenzerfahrung. Du hast nichts mehr zu verlieren." Und was für ein Auftritt! Schon die ersten Töne verschlagen einem den Atem: warm, aber ohne falsche Glut, ins Mark treffend fokussiert, aber ohne falschen Druck. Stilempfinden adelt Phrasierungskunst, Gediegenheit den Ausdruck. Feinnervig, akkurat und doch kraftvoll, mit ausdauernder musikantischer Intelligenz entfaltet sich Spannung so bezwingend, dass man als Zuhörer ob dieses Übermaßes an musikalischer Intution, Umsetzungsmacht und Farbenfindungsfantasie abwechselnd demütig werden will oder ungläubig: Die junge Geigerin Liv Migdal präsentiert mit ihrer im Mai erscheinenden neuen CD „Refuge" (Genuin, GEN19656), einer Soloeinspielung, „Atemstillstandsmomente", Musik an den Grenzen des Spiel-, Fass- und Aushaltbaren von Bach, Bartók und Ben-Haim. Migdal, Tochter des 2015 verstorbenen Pianovirtuosen und -professors Marian Migdal, gilt mit ihrer unpräsentiösen Könnerschaft und Konsequenz Insidern schon lange als vollkommener Gegenentwurf zu den Glitzerperlen ihres Metiers. Eine derartige Deckung von Geradlinigkeit und Gestaltungswillen wie bei Migdal ist die große Ausnahme. Die Gewinnerin zahlreicher internationaler Preise (etwa des Paul Roczek Music-Award, des Ruggiero Ricci Wettbewerbs und des Hindemith Wettbewerbs) hat 2017 im Rahmen des ECCE-Programms des Landes Nordrhein-Westfalen das Projekt „Verfemten Komponisten eine Stimme geben" initiiert. Wer jemals einen ihrer erschütternd intimen Auftritte -- etwa am 11.11.2018 im Rahmen der Warflether Matinee zum Gedenken an 80 Jahre Novemberpogrome und an ihren verstorbenen Vater -- miterlebt hat, weiß um ihre hundertprozentige Identifikation mit jeder einzelnen Note, die sie zum Leben erweckt. Ihm begegnet die CD viel weniger als zwar erstklassige Aufnahme wichtiger Werke der Literatur für Solovioline denn als höchstpersönliches, mit Herzblut getränktes Entäußerungs-Testat einer großen Geigerin. Niemand sonst als Liv Migdal hätte diese CD erfinden, keiner sie so einspielen können. Authentizität wird hier erlebbar, greift an. Yehudi Menuhin -- die Geigerin lernte ihn kennen, als sie noch ein kleines Kind war, die Sechzehntelgeige unter dem Arm -- heißt der eine rote Faden, der die drei Solosonaten der CD verbindet, Refugium der andere, und das jeweils in mehrfachem Sinne: Menuhin, als Jude wie seine Zeitgenossen Bartok und Ben-Haim durch die Katastrophe des Nationalsozialismus selbst existenziell verunsichert, begegnet uns als Bach-Interpret, als Inspirator, Auftraggeber und Widmungsträger. Eines greift ins andere: Als Menuhin Bach spielte, hörte Bartók zu. Als Menuhin dem mittellos in den USA Gestrandeten mit einer Auftragserteilung unter die Arme griff, komponierte der, Bartók, seine eigene, höchstpersönliche Bach-Sonate. Die wurde sofort zu Menuhins Lieblingsstück, und als er sie in Israel im Konzert aufführte, war wiederum Ben-Haim unter den Zuhörern; das war die Geburtsstunde von dessen Solosonate. "Refuge": Zum Refugium, Zufluchts- und Rettungsort, wurde ein fremdes Land -- Palästina für den aus Nazi-Deutschland flüchtenden Paul Frankenburger, später als Ben-Haim der bedeutendste Komponist Israels, Amerika für den vor Hitler flüchtenden, schon damals leukämiekranken Ungarn Béla Bartók. Und erst recht die Musik als Mittel, der eigenen Verzweiflung Ausdruck zu verleihen, der Seelennot ein Antidot zu injizieren, Hoffnung vielleicht, Trost dem Schmerz. Auf welche Weise auch Bach, ohne den nichts wäre, nach dem Tod seiner geliebten Frau zu diesem Mittel griff, demonstriert Migdal anhand der C-Dur-Sonate mit großem Sog; die vermeintliche Kühle, mit der die gewaltige Fuge strukturiert ist, tobt bei ihr in sich, implodiert über alle x-fach-Griffe hinweg in atemgleiche Leichtigkeit und bestürzende Klarheit. Klarheit, freilich ganz anderen, fast schon sezierenden Zuschnitts, prägt auch Paul Ben-Haims unerhörte G-Dur-Sonate, eine Musik, die in Migdals Herz und Hirn fesselndem Narrativ das morgenfahle Licht der Wüste ebenso eindringlich und effektiv zelebriert wie den Tod bringenden Brand der Sonne und das ganze Leben dazwischen. Den Höhepunkt dieser herausragenden CD aber markiert Migdals Interpretation von Béla Bartóks Sonate für Solovioline (Sz117), seinem letzten vollendetem Werk, geschrieben im Angesicht des als nah bewussten Todes. Vielleicht meint der eine oder andere, diese Sonate zu kennen, aus einer der im Betrieb so seltenen Konzerte vielleicht oder aus dem Radio oder sonst einer Aufnahme. All das, Mullovas gut gemeintes Mühen inklusive, darf man nun getrost vergessen, und das nicht nur, weil Migdal die als unspielbar geltende mikrotonale Orginalversion mit ihren halsbrecherischen Vierteltönen meistert. Wo andere die Krankeit, die zum Tode neigt, als zahmes Kuscheltierchen missverstehen, konfrontiert sie uns mit der Bestie, die Bartok in ihren Fängen hielt: Die Gewalttätigkeit ihrer Fuga dürfte für emfängliche Naturen bisweilen nicht auszuhalten sein. Neben ihren brutalen Peitschenschlägen und den Schreien, die folgen, mutieren etwa Mullovas Töne zu gelacktem Dekor. Und danach, im direkten Anschluss, diese unbedingte, diese "völlige Gelassenheit" der Melodia, ein sprachlos machendes Sich-Auflösen im heilignüchternen Wasser der Tränen, die dem Todkranken schon lange ausgegangen sind. Es ziemte sich, ins Knie zu sinken.“ Autor: Reinhard Rakow

MR-Musikproduktion: Recording Producer


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